Die nördliche Seidenstraße

am Rande der Wüste    

Der Mythos des Seidenhandels über Tausende von Kilometern hinweg war einfach zu schön: große Mühen und Strapazen hatten sie auf sich genommen, die Risiken um Leben und Vermögen in den Wind geschlagen, keinen Aufwand an Zeit und Material gescheut, nur um das einzigartige Produkt Seide vom Reich der Mitte nach dem fernen Westen zu schaffen, wo es in den Metropolen heiß begehrt war. Oft ging die Reise über Damaskus, wo die berühmten Seidenweber ansässig waren. Für Purpur-Gewänder setzte sie sich in Tyrus und Alexandrien fort.
Natürlich wurden auch Porzellane, Teppiche, Gewürze oder Tee auf den verschlungenen Karawanenwegen verbracht. Doch mit der Erfindung der Seiden-Herstellung in China war für die Händler ein goldenes Zeitalter angebrochen.
Und der Weg war wahrhaftig beschwerlich: am Jadetor-Pass übernahmen die Kamele, denn hier beginnt die Takla-Makan, die Wüste, aus der keiner zurückkehrt. Sie brachten die Lasten über die nördliche oder südliche Rand-Route nach dem entlegenen Kashgar. Hier am Fuße der hohen Gebirge wurden die Kamele von Yaks oder Maultieren abgelöst, die dann ihren Weg suchten über das Karakourum-Gebirge, den Tien-Shan oder den Hohen Pamir – alles „snowcap mountains“ mit schwindelerregenden Höhen. Auf einigen Routen musste wahrscheinlich noch einmal umgeladen werden, auf den Rücken von Trägern …

21.06.2014: Die UNESCO hat die Seidenstraße zum Weltkulturerbe ernannt, das gab sie am Samstag anläßlich ihrer Sitzung in Doha, Katar bekannt.

Wir wollten in Kashgar beginnen und über die „Hot Spots“ der nördlichen Route nach Osten reisen, in Richtung des Ausgangspunkts der Seidenstraße: XiAn. Zum Sonntagsmarkt wollten wir vor Ort sein, denn dieser gilt als einer der letzten großen Märkte seiner Art in Asien. Doch daraus wurde nichts …
Schon der Flug nach Urumqi stand unter keinem guten Zeichen: die geöffnete Tüte in der Hand versuchte ich krampfhaft – auch mein Magen befand sich in eben diesem Zustand – den heftigen Stößen nach rechts und links, nach oben und unten die Spitze zu nehmen, und hoffte inständig, dass unser Flugzeug da mehr Geschmeidigkeit würde aufbringen können (was es natürlich tat). Nach 4,5 Stunden Flug endlich in Urumqi angekommen, wurden wir sogleich vom Gros der Fluggäste separiert und zusammen mit einem kleinen Grüppchen von nicht Han-Chinesen in einen zweiten Bus verbracht; wir wollten ja weiter nach Kashgar/alias Kashi. Soweit in Ordnung. Als jedoch die junge Dame mit der künstlichen Haarpracht (Perücke?) eine wohl prononcierte Ansage auf Mandarin machte, die von den Mitreisenden mit Raunen quittiert wurde, und die meisten daraufhin ihre Handys zückten, wurde klar, dass uns der Bus nur noch bis zum Flughafengebäude bringen würde – Ende Gelände. Gestern, heute und voraussichtlich die ganz nächste Woche tobt der Sandsturm!

Kashgar würden wir also nicht zu Gesicht bekommen. Wir waren ziemlich enttäuscht, denn gerade die Altstadt wird allseits (in den Reiseführern) sehr empfohlen. Später erfuhren wir jedoch von unserem lokalen Reiseführer, dass es diese praktisch nicht mehr gäbe!
Dafür aber bekamen wir in Urumqi eine echte Sensation zu sehen.
Zunächst sah es nicht danach aus, war doch die Stadt selbst nicht unbedingt ansprechend, chinesische Zweckbauten in einem deutlich ungepflegteren Zustand. Allenfalls die überaus zahlreichen Moscheen gaben ein gewisses (uigurisches) Lokalkolorit, auch wenn sie stumm blieben. Zudem schienen die angekündigten Highlights (Museum und Int. Basar) nur ein schwacher Trost zu werden.
Die Mumien im Regionalmuseum aber waren ein echter Kracher: da ist die (ca. 4.000 Jahre) junge „Loulan Beauty“, hübsch anzusehen mit ihren dichten Wimpern, großen Augen und ihrer langen Haarfrisur, oder die „fabled giants“ mit über 2 Metern  Körpergröße oder etwa der Mann mit der ersten Beinprothese (lange bevor die Römer ihr Capua Leg hatten). Es liegen Mongolen neben blonden Europäern, Kinder  und Erwachsene , Menschen mittleren Alters und alte Leute, die alle vor vermuteten 2.500 bis 3.000 Jahren im Schmelztiegel Xinjiang, hier an der Schnittstelle zu Zentral-Asien gelebt haben. Die klimatischen Bedingungen waren und sind hervorragend: praktisch kein Regen, hohe Temperaturen und extrem trockene Luft lassen die umgehende (natürliche) Mumifizierung zum Kinderspiel werden. Haut, Haare, Textilien, Samen sind in einer Art „Schocktrocknung“ für die Ewigkeit konserviert. Und die Ausgrabungen haben erst begonnen: viele und Vieles liegen noch unter dem Sand begraben und harren ihres weiteren Schicksals.

Meine Frage: Gibt es nun noch eine richtige Altstadt in Kashgar, oder nicht?

Tag 2

Die Fahrt nach Turpan, in die Oasenstadt inmitten des gleichnamigen Beckens, war ausgesprochen öde (in jeder Hinsicht ). Zwar ist die Senke rechts und links von den viel erwähnten „snowcap mountains“ des Tien Shan und des Bogda Gebirges flankiert, was eigentlich auf eine gewisse Fruchtbarkeit hoffen läßt, doch bleibt die Ebene ausgedörrt und kahl. In unserem Fall blieben die Berge schemenhaft und konturlos hinter dem „Sandsmog“ verborgen, der uns die ganze Reise über nicht von der Seite wich. Blauen Himmel bekamen wir nicht zu sehen.
Ungehindert pfeift der kalte Wind von Norden her über das Land (bei 4°C (Ende April!)), bis er auf Windturbinen trifft – auf viele Windturbinen, auf den größten Windpark Chinas, der seine Endgröße vermutlich noch nicht erreicht hat .
Es geht stetig bergab und die Schneereste am Fuße der Hänge werden immer seltener. Nach etwa einer Stunde Fahrt plötzlich ein großes, langgezogenes Schneefeld , merkwürdig homogen und gleichmäßig, die Ränder wie abgezirkelt. Es ist Salz, versalzter Boden am Rande eines toten Sees, die abgesunkene Wasseroberfläche wie Blei .

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Die Ankunft im Becken von Turpan (oder Turfan) und seiner Minus-Höhe (im Schnitt 150m unter dem Meeresspiegel) war eine wahre Wohltat: Vegetation und Leben, was nicht zuletzt dem ausgeklügelten Bewässerungssystem zu verdanken ist, das mit seinen unterirdischen Kanälen und Speichern 2.000 Jahre lang hervorragend funktioniert hat, nun aber wegen des immer extensiveren Trauben-Anbaus und steigender Bevölkerungszahlen an seine Leistungsgrenze stößt. Die Rosinen aber, die in unzähligen Sorten, Farben und Größen an fast jeder Straßenecke angeboten werden, schmecken einfach köstlich und können den Zuckerspiegel ohne Probleme über längere Zeit konstant hoch halten. Dass sich die multi-kulti Händler mit ziemlicher Sicherheit damalds auch schon an ihnen gütlich getan haben, belegen die „mumifizierten“ Samen aus den Wüstengräbern. Auf jeden Fall prägen die Rebstöcke, zusammen mit den Pappeln am Straßenrand, das Bild. In den luftigen Lehmziegelhäusern mit den schartenartigen Öffnungen   werden im August/September die geernteten Trauben aufgehängt und in 30 Tagen durch natürliche Lufttrocknung zu Rosinen geschrumpft.
Später im Hotel trafen wir auf einen griechischen Unternehmer, der die anfallenden Weinblätter im großen Stil in die Heimat verschifft, wo sie als griechische Spezialität serviert werden. Findig muss man sein!
Auf einem großen Felsplateau zwischen zwei ehemaligen Flußläufen liegt prominent die alte Garnisonsstadt Jiaohe Jiaohe . In der Han-Dynastie gegründet galt sie 13 Jahrhunderte lang als uneinnehmbar, bis die Horden Dschinghis Khans kamen und dieser Mär ein Ende setzten. Seit dieser Zeit ruht sie als Ruinenstadt auf dem Felsplateau, in ihrer Struktur und ihrem Aufbau nur durch die Grundrisse und die Ausformung zu erkennen, denn das Stilleben ist komplett in Sandgelb gehalten
. Am höchsten Punkt thront der großangelegte buddhistische Tempel . Sehr beeindruckend!

Mein Tipp: Unser Hotel in Turpan (Turpan Tu Ha Petroleum) war zwar zentral gelegen, aber nicht gemütlich und die Betten wieder einmal sehr hart. Da aber die Stadt und auch der nahe gelegene Nachtmarkt nicht besonders interessant sind, ist dies kein Vorteil. (Es hatte ein 50m Schwimmbecken – am Rande der Wüste!!) Sehr schön war wieder das Museum.

Literatur-Tipp: Baumann, Bruno: „Die Seidenstraße“, terra magica 2013.