aus der chinesischen Gegenwart

Eine deutsche Studentin in Hangzhou …

Meine Lieben,

seit Samstag Nachmittag chinesischer Zeit bin ich jetzt im Reich der Mitte, und mannmannmann was war das für ein Start: Mein Gepäck ist nicht mitgekommen, sollte aber nachts noch geliefert werden und zwar zu mir nach Hangzhou. Da ich aber noch keine chinesische Nummer habe, kann ich nur meine deutsche Nummer angeben. Mit mehr als mulmigem Gefühl fahre ich erst einmal nach Shanghai City, um mir ein neues Aufladekabel für mein Handy zu kaufen. Danach im Zug nach Hangzhou, was ewig gedauert hat, da es einfach unglaublich viele wuselige Chinesen gibt, die sich ständig bewegen. Nach einer halben Odyssee also an der Uni angekommen –> keine Socke da, wo ich laut meinem Registrierungswisch wohnen soll. Es ist dunkel, es nieselt, ich habe kein Gepäck und bin völlig übernächtigt von dem langen Flug. Naja, irgendwie finde ich dann doch – mithilfe meiner etwas rudimentären Chinesisch-Kenntnisse – ein Hostel auf dem Campus, in dem ich für die Nacht bleiben kann.

Sonntag wache ich auf – zum Glück hat das Hostel Handtücher – und registriere mich in meinem Dormitory. Ich gehe auf mein Zimmer und das erste, was mir entgegenspringt, ist ein riesiger, grau/blau/grün gepunkteter, herrlich lebendig wirkender Schimmelfleck, wirklich von der Decke bis zum Boden. Ich schaue mich im restlichen Zimmer um und: es ist so unfaßbar ranzig. Trotzdem kommen mir Zweifel, ob ich in den letzten Jahren nicht etwa zur Luxusmietze geworden bin, oder ob das wirklich einfach nur widerlich ist. Ich traue mich nicht irgendetwas anzufassen. ( Bei anderen waren Kakerlaken im Zimmer oder lagen benutzte Kondome herum.) Hinzu kommt, dass das Zimmer, das ich mir mit einem anderen Mädchen teilen soll, 300 Euro im Monat kostet, für chinesische Verhältnisse viel zu viel, wie sich später herausstellen sollte.

Zum Glück waren gerade zwei gute Freundinnen in Shanghai (die eine besuchte ihre Eltern, die seit Jahren dort leben). Sie wollten mich sowieso besuchen kommen, und als ich sie sehe, muss ich mich wirklich anstrengen, um nicht völlig in Tränen auszubrechen. Wir machen uns einen netten Tag in Hangzhou, und dann nehmen die beiden mich mit nach Shanghai, wo es bei den Eltern Kaiserschmarrn gibt, eine neue Unterhose, und Schlafsachen. Die Eltern legen mir auch nahe, auf jeden Fall auszuziehen, da Schimmel tatsächlich gesundheitsgefährdend ist, vor allem da ich ja einige Zeit dort leben soll.

Ich suche also im Internet nach Wohnungen. Am nächsten Tag versuche ich es bei ein paar Nummern, und ein russisches Mädchen ruft mich tatsächlich zurück! Sie habe eine Wohnung an der Hand, 3 Minuten zu Fuß von der Uni, und am wichtigsten: kein Schimmel. Ich kann mein Glück kaum fassen, sage natürlich sofort zu. Dannach fahre ich zum Flughafen, um persönlich nach meinem Gepäck zu fahnden, denn die Telefonnummer ist entweder besetzt oder es antwortet niemand. Das Gepäck sei schon bei der Delivery-Firma, sagt man mir, und werde morgen (inzwischen ist schon Montag) nach Hangzhou gehen. Ich falle schon wieder in ein Loch, nur der Gedanke an die Wohnung hält mich irgendwie am Laufen. Ich gönne mir eine Fahrt mit der Magnetschwebebahn, die einem 45 Minuten in der U-Bahn erspart, ein witziges Fahrgefühl, man denkt wirklich ein bisschen, dass man schwebe.

Im Zug nach Hangzhou bekomme ich wieder ein mulmiges Gefühl, das mich nicht täuscht, denn die Russin schreibt mir, dass die Vermieterin sie gerade angerufen habe: die Wohnung ist doch schon vergeben. Ihr geht es auch richtig schlecht deswegen. Wir verabreden uns für später. Wieder in der Bude im Dorm wird mir klar, dass ich hier nicht bleiben kann. Meine neue Mitbewohnerin tut mir etwas leid, ich empfehle ihr, sich auch eine neue Wohnung zu suchen, was ihr aber zu anstrengend ist.

Die Russin hat zum Glück eine andere Wohnung im gleichen Gebäude gefunden, selber Schnitt, wohl nur etwas teurer. Ist mir relativ schnuppe in diesem Moment. Nach einer ziemlich unruhigen Nacht immatrikuliere ich mich erst einmal und schaue mir dann die Wohnung an. Muss ein bisschen geputzt werden, aber kein Schimmel, sowie ein eigenes Zimmer mit großem Bett und Balkon. Wir quatschen mit der Vermieterin, die ziemlich zickig ist, und einigen uns auf einen guten Preis. Obwohl die Wohnung so viel luxuriöser ist als das Dorm-Zimmer, ist es tatsächlich günstiger. Den Rest des Tages bete ich, dass die Wohnung bis abends um 7 Uhr frei bleibt und wir dann einziehen können. Wenn nicht, bin ich homeless, da ich aus meinem Dorm direkt ausziehen musste. Um halb 7 ist mein Gepäck immer noch nicht da, und mein Stresslevel auf einem neuen Höhepunkt angelangt. Da erfahre ich 20 vor 7 Uhr, dass mein Gepäck in einer halben Stunde ankommen soll. Um 7 soll ich aber meinen Mietvertrag unterschreiben. Die Russin geht mit meinen beiden anderen neuen Mitbewohnern schon einmal vor und fängt mit den Verhandlungen an. Ich sitze derweil in der Lobby des Schimmeldorms auf glühenden Kohlen und warte. Irgendwann rückt dann tatsächlich ein kleiner Chinese auf einem noch kleineren Moped an, hinten eine riesige Box ohne Inhalt, und vorne zwischen den Beinen meinen 26-kg-Koffer, der in 5 Lagen eingepackt ist. Diese absurde Situation wird noch wahlloser, als ich den Fahrer bitte, mir zu helfen die „Verpackung“ abzunehmen. Er holt eine kleine Klinge heraus und fängt, wahrscheinlich von meiner Nervosität angesteckt, an, wie ein Blöder auf die Verpackung einzustechen. Mit Koffer und Plastiktüten renne ich dann zu meiner neuen Wohnung, die nur 3 Minuten zu Fuß von der Uni entfernt liegt. Dort verhandelt die 18-jährige Sasha knallhart mit den genauso knallharten Vermietern. Was für ein unglaubliches Glück ich habe, dass ich an dieses Mädchen geraten bin, wird mir jetzt so richtig klar. Ich glaube, die Russen und die Chinesen sind sich in ihrer Verhandlungsart relativ ähnlich. Da wird sich auch schon mal angeschrien und ein Level von Unhöflichkeit erreicht, den ich niemals die Nerven hätte aufrecht zu erhalten. Am Ende unterschreiben wir unseren Vertrag mit unserem zuvor in rote Tinte getunkten Fingerabdruck. Völlig freaky!

Jetzt habe ich mein Zimmer ordentlich geputzt – der Rest der Wohnung kommt später unter den Lappen -, habe eine lange Dusche gehabt und neue, saubere Klamotten angezogen. Das Gute an diesem etwas holprigen Start ist, dass ich wirklich schon viel Chinesisch reden musste, und ein bisschen von meiner Hemmschwelle abbauen konnte. Die Leute sprechen hier im Durchschnitt noch weniger Englisch als in Peking, und ich frage mich, wie man ohne Chinesischkenntnisse durchkommen soll. Hangzhou an sich ist wirklich wunderschön, eine sehr grüne Stadt, was ungewöhnlich ist für China, mit einem riesigen See in der Mitte, dschungeligen Hügeln, auf denen Pagoden und Tempel stehen, und erstaunlich freundlichen Menschen. Ich bin mir jetzt langsam sicher, dass ich mich hier wohlfühlen werde. Jeder Anfang ist ja bekanntlich schwer …

Ich denke viel an euch, und hoffe dass es euch allen gut geht!
Eure B.